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Kunstwerk des Monats März

Wohl aus der Zeit um 1540 datiert das Gemälde die Bekehrung des Paulus, das eigentlich treffender zu bezeichnen ist als Der geblendete Paulus wird nach Damaskus geführt. Die kleine Buchenholztafel mit den Maßen 53 x 66cm wird erstmals 1845 als Bestandteil der großherzoglichen Gemäldegalerie erwähnt. Es handelt sich um eine Arbeit des Hamburger Malers Franz (oder Frans) Timmermann.

Informationen über das Leben des Künstlers sind verhältnismäßig spärlich, sein Geburts- oder Sterbedatum nicht überliefert. Mit Unterstützung des Hamburger Rates hielt sich Timmermann ab 1538 zur Ausbildung in der Cranach-Werkstatt in Wittenberg auf, wo er bis 1541 nachweisbar ist. Spätestens 1543 kehrte Timmermann nach Hamburg zurück und wurde dort im selben Jahr zum Ratsmaler ernannt.

In seiner Oldenburger Tafel greift Timmermann die am häufigsten dargestellte Einzelszene aus der Vita des Apostels Paulus auf: Von der Bekehrung des Paulus vom fanatischen Verfolger der Urchristen zum „Apostel des Evangeliums für die Völker" (Gal 1,15f.) berichtet die Apostelgeschichte: „Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich?" (Apg 9,3f.) Paulus wird in dem Augenblick geblendet, in Damaskus aber durch den Christen Hananias geheilt.

Gleich zwei Elemente des Bekehrungsprozesses stellt Timmermann in seiner Darstellung vor und nutzt dabei die Möglichkeiten des simultanen Erzählens. Dabei ist der eigentlich entscheidende Moment in den Mittelgrund verlegt: An der Spitze einer kleinen Reiterschar erkennen wir Paulus, der sich nach vorn krümmt und den linken Arm schützend und abwehrend erhoben hat. Auch sein Pferd strauchelt und knickt ein, so dass die Bewegung des Pferdes die Regung seines Reiters paraphrasiert. Dabei wird der göttliche Eingriff durch Lichtstrahlen kenntlich gemacht, die begleitet von zwei zuckenden Blitzen aus den Wolken niedergehen. Die Fortsetzung des Geschehens, den Weiterzug nach Damaskus, gestaltet Timmermann bildfüllend im Vordergrund. Dort präsentiert er eine abwechslungsreiche, durch recht kräftige Farben dominierte dicht gedrängte Figurengruppe. Rüstungen und Garderobe sind in Anlehnung an die Kostümwelt des frühen 16. Jahrhunderts wiedergegeben. Rechts im Vordergrund erkennen wir den Protagonisten: Paulus stützt sich schwer angeschlagen auf zwei seiner Gefährten. Gesenkten Hauptes und unsicheren Schrittes setzt er seinen Weg fort; seine geschlossenen Augen sind als Zeichen der Erblindung zu verstehen.

Wie auch andere Werke des Künstlers macht die Bekehrungsszene Franz Timmermanns Nähe zu Motiven und Vorstellungen der Cranach-Werkstatt deutlich. In diesem Kontext sind beispielsweise Arbeiten Lucas Cranachs d.J. zu nennen (Bekehrung des Paulus, 1549, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg; Blendung des Heiligen Paulus, 1586, Stadtkirche zu Wittenberg). Korrespondenzen finden sich aber nicht allein auf formaler, sondern ebenfalls auf inhaltlicher Ebene. So unterlegt auch Timmermann seiner Darstellung den für die lutherische Rechtfertigungslehre zentralen Gedanken, dass dem Menschen nicht durch seine eigenen Taten und durch das Festhalten am Gesetz das Heil zuwächst, sondern allein durch den Glauben und die göttliche Gnade. Ein Glaubenssatz, der auch im Umkreis der Wittenberger Künstler mehrfach künstlerisch ausgedeutet wurde.
Franz Timmerman

Franz Timmermann, Die Bekehrung des Paulus, um 1540, Öl auf Buchenholz, Inv.-Nr. 15.573

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