Kunstwerk des Monats Januar

Kunstwerk des Monats Januar

Spendet Liebesgaben für unsere Truppen im Felde

Im Jahr 1902 porträtierte der damals in Frankfurt lebende Maler Wilhelm Trübner (1851-1917) seine Schülerin "Lina von Schauroth zu Pferde". Das kapitale Werk gehört zur Sammlung des Oldenburger Landesmuseums und hängt im Prinzenpalais. Es zeigt eine selbstbewusste, aristokratisch wie verführerisch wirkende jungen Frau, die auch ein wenig exzentrisch war und seit jenen Tagen stets ein Herrenkostüm mit weißer Hemdbluse und Krawatte trug. In der eigenwilligen Flächigkeit seiner Pinselführung ordnete Trübner Pferd und Landschaftsausschnitt um die schwarz gekleidete Reiterin herum, deren streng gezeichnetes Gesicht gleichsam aus dem tonigen Dunkel des Bildraumes leuchtet.

Lina von Schauroth (1874-1970) war passionierte Reiterin und die jüngste Tochter des Frankfurter Bauunternehmers Philipp Holzmann, des Erbauers der Bagdadbahn. Seit 1895 war sie mit dem Leutnant Hans von Schauroth verheiratet, nahm ab 1898 am Städelschen Kunstinstitut Zeichenunterricht und trat hier in die private Malschule Wilhelm Trübners ein.

Zwölf Jahre nach ihrer Porträtierung als Reiterin schuf Lina von Schauroth das Plakat mit dem Aufruf zur Spende von "Liebesgaben" für die deutschen Truppen im Felde: der Reiter ist vom Pferd gestiegen, in die winterliche Dämmerung fällt Schnee, aus der stolzen Pose ist Müdigkeit geworden, die Soldat und Tier miteinander teilen.

Vor neunzig Jahren hatte der erste Kriegswinter begonnen, aus dem Ereignis des Feldzuges war ein unsicherer und zunehmend bedrückender Weltkrieg geworden, von deutscher Seite strategisch anders geplant und kaum angemessen vorbereitet. Die Versorgungslage der Truppen hatte höchste Priorität und musste stets mit privaten Spenden nachgebessert werden. Nicht minder offenbarte sich die Stimmung in der Bevölkerung als ein wesentliches Mittel der weiteren Kriegsführung. Beide Aspekte zieht Lina von Schauroths Plakat zusammen, das noch von "Liebesgaben" spricht, um die Opferbereitschaft an der Heimatfront emotional zu stimulieren.

Nach dem tödlichen Reitunfall ihres Mannes im Jahr 1909 hatte Lina von Schauroth ihre künstlerische Ausbildung bei dem Plakatmaler Ludwig Hohlwein (1874-1944) in München fortgesetzt, einem der modernsten und begehrtesten Gestalter auf diesem Gebiet.

Hohlwein war ebenfalls passionierter Reiter und Jäger, wurde 1914 zum Professor ernannt und für die Kriegspropaganda dienstverpflichtet. Selbstherrlich und siegessicher posieren deutsche Soldaten in seiner pathetischen Kriegsreklame, während Lina von Schauroth trotz ihres Patriotismus defensiv und erstaunlich hellsichtig die längst nicht mehr euphorische Stimmung bei der kämpfenden Truppe spiegelt.

In Frankfurt hatte bereits im August 1914 ein "Nationaler Frauendienst" seine Tätigkeit aufgenommen, um neben dem Roten Kreuz und den kommunalen Einrichtungen die Kriegsfürsorge in der Mainregion zu organisieren. Spenden wurden gesammelt, Familien von Kriegsteilnehmern unterstützt, Verwundete und Kranke gepflegt. Unter dem Namen "Verband Frankfurter Frauenvereine" waren alle Vereinigungen zusammengefasst, die soziale und gemeinnützige Arbeit im Sinne der Kriegsfürsorge verrichteten..

Lina von Schauroths Engagement ging weit über das Plakatmalen für Propagandazwecke hinaus, sie organisierte innerhalb des Verbandes die Sammlung der Sachspenden, begleitete von Frankfurt aus sogar persönlich eine "Liebesgabenexpedition" direkt an die Front. Solche unmittelbare Hilfe war einerseits humanitär gemeint, wurde aber immer zugleich auch als Propaganda gebraucht, um das zivile Engagement und die Opferbereitschaft zugunsten der Kriegsziele zu stärken.

Von 1915 bis 1918 leitete Lina von Schauroth ein Frankfurter Soldatenheim und arbeitete im letzten Kriegsjahr in einer Munitionsfabrik. Das alles drückt ihre nationale Gesinnung und ihr patriotisches Pflichtempfinden ebenso aus wie es die damalige Rolle der Frau bei der Strukturierung und straffen Organisation der "Heimatfront" zeigt, die ein den Kriegsverlauf mitentscheidendes Element war, ohne welches dieser in die Katastrophe mündende Krieg wohl weniger lang und damit weniger verlustreich verlaufen wäre.

 

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